Das Paket!

Nico und Joshua:

Mann, hast du mich erschreckt! Wo kommst du denn daher?

Hatte eine kleine Begegnung mit bissigen Höllenhunden. Aber bevor sie zuschnappen konnten, bin ich abgehauen. – er zwinkert mir dabei zu. –  Und bei dir?

Hab mal wieder Hausarrest.

Wieso? Was ist passiert?

Nichts ist passiert. Bin zu spät nachhause gekommen. Da ist er mal wieder ausgeflippt.

Du kennst doch Onkel Alex, er macht solch Augen dabei: Macht aus Mücken gerne riesige Elefanten. – Dann lacht er.

Da habe ich nichts zu lachen. Doch Joshua merkt es nicht.

Alsbald herrscht gewöhnliches Schweigen um uns. Wir liegen in unseren Betten und versuchen den Rest des Tages zur Vergangenheit zu machen. Und dabei werden die Augen schwerer und schwerer…

Und da beginnt es immer an derselben Stelle…

Wie viele kleine Spinnenbeine krabbeln die ersten Sonnenstrahlen über Hausmauern und Dächer der Stadt. Ein Gebrüll holt mich aus dem Schlaf. Aus dem Bett.

Meine Mutter will lauter als dieser Kotzbrocken, den sie sich regelmäßig ins Bett holt, schreien. Betrunken ist er in der Morgenfrühe bei uns aufgekreuzt. Sie nennt ihn gleich das Schlimmste.

Und er will ihrem Gezeter ein Ende setzen und schlägt einfach zu. Dann vergreift er sich an ihr. Nimmt sich das, was er will. Gleich am Boden im Flur.

Ich komme gerade eben aus dem Zimmer. Da ist er mit ihr schon fertig. Mutter versucht mit Armen und restlichem Stoff entblößte Haut zu bedecken. Mit dem Finger am Reißverschluss seiner Hose kommt er auf mich zu. Da bemerkt er mich auch noch, obwohl er mich sonst nie bemerken will. Und verpasst mir im Vorübergehen eine Ohrfeige, weil ich gerade hier stehe.

Wortlos nehme ich sie an. Bedanke mich mit einer vulgäre Handgeste, welche ich ihm postwendend nachschicke.

Eine wie meine Mutter möchte man nicht so am Boden liegen sehen. Da kann man nichts schönreden. Alleine bleibt sie für sich über. Wie so oft. Genommen, gebraucht und weggeworfen. Wie Papier im Wind. Und dieser kann mit ihr machen, was er will. Niemand tritt sie fest. Denn Weggeworfenes möchte niemand haben.

Später am Küchentisch. Da sitzen wir. Mutter und ihr besonders netter Freund. Joshua und ich. Ein Wort ergibt das andere. Er möchte laut sein. Sie will nur noch ihre Ruhe. Und da sagt sie doch noch etwas und der schlägt ihr mitten ins Gesicht. Es tut ihm nicht leid. Und dabei zeigt Mutter keine Reaktion. Mit gesenktem Kopf sitzt sie da. Wischt sich das Blut aus dem Gesicht und schlürft weiter an ihrer Tasse Kaffee. So als wär nichts passiert!

Indessen will er einfach nur noch mehr Wirbel machen. Ihr eindringliches Bitten sich zu beruhigen und ihr beschwichtigendes Lächeln helfen dabei nichts mehr. Und dann schiebt er sie mit einer Beleidigung nach der anderen zur Seite. Wort für Wort!

Und das heizt mich total an. Da raste ich aus. Springe auf und schlage auch zu. Und zwar ihn. Voll auf die Nase! Sein Kopf schnellt zurück und wieder nach vorne, und dabei landen dicke Blutstropfen auf der Tischplatte. Mit Sternchen vor Augen kann er sich in diesem Moment nicht dafür bei mir revanchieren. Aber Mutter fährt sogleich hoch und scheuert mir eine.

Ich zögere einen Moment lang. Doch dann schreie ich sie an: Hast du sie noch alle!

Da jagt sie mich schimpfend aus der Küche. Über den Flur in mein Zimmer. Dort verziehe ich mich in den letzten Winkel und warte das Donnerwetter ab. Und sie brüllt vor meiner Tür: Ihr bringt mich Gott weiß noch wohin.

In diesem Moment würde ich am liebsten sterben. Aber man stirbt nicht einfach so!

Doch stecke ich es weg. Nur hart genug muss ich dabei sein. Kalt. Ohne Mitleid. Ich muss einfach die Augen fest zukneifen. Wirklich ganz fest. Dann funktioniert es.

Tage kommen und gehen. Und dann will sie eine endgültige Lösung. Eine, die für sie bedeutet, uns los zu werden. Sie ruft Vater an. Und er kommt, um uns mit Sack und Pack abzuholen. Doch meint er, dass er momentan auch keinen Platz für uns in seinem Leben hat. So stellt er uns kommentarlos bei Onkel Alex, seinem Bruder, ab. Wie ein Paket. Hat er uns ausgeliefert. Und dieser hat uns entgegengenommen.

Aber ohne Quittung und Umtauschrecht! – Und Onkel Alex meint es gut mit uns. Vor allem mit mir. Ich könnte kotzen!

 

 

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