Ein kleiner Blick zur Seite

Es ist ein Tag, so wie es sich gehört. Morgens bin ich, wie immer aufgestanden. Habe mich zurecht gemacht. Kurz darauf bin ich raus, der Verpflichtung hinter her. Später bin ich zu meiner Zeit wieder nach Hause gekommen. Esse das, was sie mir vorsetzt. Dazwischen rede ich mit ihr. Sie sagt, das ist ihre Wohnung und ich könnte auch mal wieder meine Sachen aufräumen. Ich sage, ich muss noch etwas tun. Sie meint, sie hätte auch den ganzen Tag gearbeitet, um für uns Geld zu verdieneb. Und dann erwähnt sie noch, dass sie sich auch alleine um alle anderen Angelegenheiten kümmern müsse. Ich lasse sie reden. Und ich weiß jetzt schon, dass ich nicht versuchen werde etwas zu ändern, denn sonst hätte sie nichts mehr zu sagen. Und alles geschieht so, wie es sich gehört.

Mutter hat gesagt, ich bin zu jung um auszuziehen, das gehört sich nicht. Vater hat gesagt, lass ihn nur machen, er wird schon wissen was er tut, denn so gehört sich das in meinem Alter.

Sie zieht sich für mich aus und ich ziehe mich für sie aus und dann bin ich immer so wie sie mich dabei haben will. So wie es sich gehört, wenn zwei Leute so tun, als würden sie sich lieben.

Es ist wieder so ein Abend. Draußen ist es schon dunkel. Und hier ist es kühl. Der Fernseher läuft und ich starre hinein. So wie es sich gehört. Sie ist im Bad.

Schön ist sie. Und wenn sie sich bewegt, wie sie es gewohnt ist, sich zu bewegen, gehen Monde auf und senken sich wieder. Und sie hat solch einen Busen. Und die Finger können in der Vertiefung zwischen ihrer Brüste spazieren gehen. Aber nur wenn sie es erlaubt.

Da erhebe ich mich und gehe ins Schlafzimmer. Ich ziehe mir Jeans an und streife ein T-Shirt über, genauso wie sie es haben möchte. Dann gehe ich zu ihr ins Badezimmer. Gerade verschwindet sie hinter dem Duschvorhang. Ein schöner Anblick der über die Wirklichkeit hinwegtröstet.

Mein Blick fällt in den Spiegel. Den Typ darin ignoriere ich. Ich möchte ihm nicht ins Gesicht sehen. Es würde mir nicht gefallen, was ich darin lesen könnte. Ich richte mir die Haare. Dann verschwinde ich. Muss raus. Sie weiß wo ich anzutreffen bin. Wenn sie es möchte, wird sie mich finden. Denn sie findet mich ja immer.

Es ist schön durch die leeren Straßen zu laufen. Warm ist es noch. Bin auf direktem Weg zu meinen Freunden. Dort in das eine Lokal, in welchem wir nicht auffallen, weil es eben für Typen wie uns gemacht ist.

Sie begrüßen mich, so wie sie es immer machen. Ich bestelle mir etwas zu trinken. Sie fragen mich, wie es mir geht.

Ich antworte: Alles okay.

Sie fragen weiter. Dies und jenes. Ich gebe ihnen Antworten, die es nicht wert sind noch weiter darüber nach zu denken. Und dann tue ich so, wie ich immer tue. Und wir lachen und wir reden über die Dinge, die nicht viel Tiefgang brauchen.

Etwas später kommt sie hinzu. Hüsch ist sie hergerichtet. Viel zu schön. Und jeder kann es gleich sehen, dass sie hier nicht rein passt. Doch ist sie da. Meinetwegen. Sie grüßt. Doch würde sie niemanden die Hand reichen. Die anderen deuten kurz und wenden sich ihren Themen wieder zu.

Warum hast du nicht auf mich gewartet?, sagt sie.

Musste mal raus, sage ich.

Sie hat mir schon öfters gesagt, dass ich hier nicht hingehöre. Dass die Leute mit denen ich mich abgebe, nicht für mich gemacht sind. Sie würden mich nicht weiter bringen. Vorwärtsbringen! Doch wohin? Vielleicht ist es doch in Ordnung, so zu sein, wie ich bin. Ich kapiere es einfach nicht.

Ich merke sofort, dass sie sich nicht wohl fühlt. Vor allem neben mir. Sie kann nicht über die Dinge lachen, über die ich mich bemühe zu lachen. Vielleicht ist ihr auch nur das Lachen vergangen. Irgendwann, alldazwischen, muss sie es verloren haben. Sie nippt an ihrem Glas. Sie hält sich daran fest.

Die anderen haben immer schon gesagt, die passt doch nicht zu dir, obwohl ich mir sicher bin, dass sie gemeint haben, das so einer wie ich nicht zu ihr passe. Und jetzt bin ich mir nicht mehr sicher, ob wir jemals zueinander gepasst haben. Und was heißt überhaupt zu einander passen? Meine Mutter würde sagen, wie der richtige Deckel auf dem richtigen Topf, so wie es sich eben gehört. Und dann bleibt das kleine Glück, weil es eben passt. So soll es sein. Genauso soll es sich gehören!

Da sitze ich neben ihr und versuche ihr zwischen all den anderen Aufmerksamkeit zu schenken. Doch sie will sich nicht an mich lehnen. Obwohl ich weiß das heute kein guter Tag für sie ist. Allerdings bin ich niemand an dem sie sich fest halten will.

Es ist dann ein kleiner Blick zu Seite. Und da denke ich mir, dass Gesicht dort drüben kenne ich doch. Verdammt, das kenne ich doch! Und es ist ein hübsches Gesicht, dass einem zum Lächeln bringt.

Da scheint das Gesicht auch in meinen Gesicht etwas Vertrautes zu erkenne und es lächelt zurück. Zwinkert mir mit solch Augen zu. Und das bringt schöne Erinnerungen mit sich. Zu welchen Zeitpunkt habe ich dies alles nur vergessen?

Und in diesem Augenblick möchte ich nicht vorsichtig sein. Mit einer kleinen Lüge schaffe ich Distanz. Zwischen ihr und den anderen neben mir. Und dann gehe ich den Tresen entlang, vorbei an dem hübschen Gesicht. Unsere Blicke treffen sich und mit einer kleinen Geste deute ich dem Gesicht zu, mir zu folgen. Und wir treffen uns auf der gegenüberliegenden Seite der Bar am anderen Ende des Lokals. Im Getümmel der Leute fallen wir nicht auf. Sie begrüßt mich so, als würde die Zeit nicht zwischen uns stehen. Ich lade sie zu einem Drink ein. Kurz darauf stoßen wir an. Und dann haben wir uns etwas zu erzählen, so wie es sich gehört. Zeit bringt viel Altes mit sich und auch über Neues gibt es zu berichten. Wir lachen. Wir trinken. Wir vergessen auf alles andere um uns.

Kurz darauf kommt sie wütend auf mich zu. Reißt mir das Glas aus der Hand schüttet mir den Rest des Biers mitten ins Gesicht. Sie wartet meine Antwort nicht ab. Dreht sich um und verlässt auf schnellsten Weg das Lokal. Doch ich bleibe sitzen. Ich werde ihr heute nicht folgen.

Große Augen schauen mich an und ich erkenne das große Fragezeichen in ihrem Gesicht.

Vergiss es. Nicht der Rede wert, sage ich: Lass uns lieber Spaß haben.

Und da bittet sie den Typ hinter der Bar um ein Geschirrtuch und mit diesem wischt sie mir das Gesicht ab. So lacht sie mich dabei an. Und dann muss auch ich lachen.

Und dann trinken wir. Machen die Nacht nass. Wir singen und wir tanzen dazu. Holen uns weiße Lippen von dem hartem Zeug, dass wir im einem Zug hinunterschütten, um sie danach wieder rot zu küssen.

Ich kann es nicht mehr beschreiben, was nun in mir vorgeht. Es ist einfach so eine Nacht. Der Pulsschlag fährt in die Höhe und das Lachen wird immer lauter. Es dreht sich alles im Kreis.

Jeder kann aus einer Kleinigkeit eine Tragödie machen. Ich bin gerade dabei meine Eigene zu fabrizieren. Geradeeben habe ich mich auf die Parkbank geflegelt. So auf meine Art. Der Alkohol fährt in meinen Kopf im Kreis. Ich muss mich bemühen sie mit meinen Augen zu fixieren. Und sie? Sie setzt sich neben mich. Und sieht mich mit solch Augen an.

Komm doch näher, tu etwas für mein Gemüt!, sage ich.

Ich greife nach ihr. Sie lässt es geschehen. Ganz nahe rückt sie an mich heran. Wir verknüpfen unsere Gliedmaße. Da küsst sie mich schon. Ich vergesse zu atmen und es wird mir ein wenig schwindlig dabei.

Und dann bleiben wir ein Weilchen stillschweigend ineinander verknotet sitzen. Und da kommt sie mit Worten. Ich bleibe still. Und doch ist es ein schönes Gefühl. So eins, das ich schon lange nicht mehr gespürt habe. Sie spaziert durch meine Gedanken und schafft es das ich mich ganz auf sie konzentriere. So wohl fühle ich mich neben ihr. So normal. So wichtig!

Doch da schaue ich ihr in die geweiteten Pupillen und denk mir, Baby, lass uns eine Handvoll mehr machen als nur wild miteinander herumzuknutschen. Und doch sage ich es nicht laut, schlage es mir sogleich wieder aus dem Kopf. Dennoch scheint sie es zu ahnen und streichelt mir Mut zu. Das Herz beginnt lauter zu schlagen.

Aber bevor ich es sagen kann, befreit sie sich aus meinen Armen. Augenblicklich ist ein Sternenmeere in ihren Augen zu sehen. Strahlend schön. Und sie nickt mir ein Ja zu.

Komm, lass uns gehen, sagt sie.

Und dann nimmt sie mich doch mit zu sich nach Hause.

Für die nächsten Stunden gehören wir uns alleine. Und wir machen es laut. Zuerst mit Küssen. Und Finger im Ausschnitt, welche sich langsam tiefer hinab tasten.

Danach läuft alles von selber. Da liegt ihr Kleid schon am Boden. Unterwäsche fliegt hinterher.

Der Anblick der sich mir jetzt bietet, lässt meine überstrapazierten Synapsen im Kopf Purzelbäume schlagen. Schaltet dabei die Vernunft ab. Mein Körper kämpft gegen den Alkoholspiegel und scheint auch zu gewinnen.

Sie zieht mir das Shirt über den Kopf. Sie öffnet meine Gürtelschnalle. Den Hosenknopf. Den Reißverschluss. Mehr Küsse abwärts. Mehr Finger auch anderwärts. Strömendes Blut pulsiert unter der sich dehnenden Haut.

Kurz darauf lässt sie mich in ein warmes, feuchtes Gefühle eintauchen. Ohne großes Zutun steuern wir gemeinsam ins Irgendwo hinein, wovon wir wieder wildkeuchend zurückkehren.

Und etwas später. Wir haben einfach weiter gemacht. Noch mehr getrunken. Dabei lachen wir unser Lachen leer. Zeigen es uns deutlich.

Doch um diese Zeit legt sich die Nacht selber zum Schlafen hin und überlässt die Reste von gestern den neuen Tag. Sie ist schon neben mir auf der Coach eingeschlummert. Hat schon Träume hinter geschlossenen Augen. Ich ziehe mich leise an. Da möchte ich schon gehen. Aber einfach so abzuhauen, finde ich auch nicht für richtig. Ich trete nochmals an sie heran, beuge mich zu ihr hinunter und gebe ihr einen Kuss auf die weichen Lippen. Die Morgensonne benetzt die vielen, kleinen Härchen auf ihrem Unterarm und das Lachen von vorhin liegt noch im Schatten ihrer Mundwinkel. Sie ist so schön anzuschauen.

Mach´s gut, sage ich ganz leise.

Werden wir uns mal wieder sehen, sagt sie. Ganz gedämpft und mit geschlossenen Augen.

Ich weiß es nicht, sage ich.

Ich möchte sie nicht mit einer Lüge allein zurück lassen. Und dann gehe ich.

Mit immer noch roten Wangen bin ich nach Hause gekommen. Ihre Sachen an der Garderobe begrüßen mich. Jetzt habe ich erst so recht das Gefühl, es steht mir mitten auf der Stirn geschrieben. Und insgeheim hoffe ich, dass sie schläft.

Doch von wegen. Sie hat auf mich gewartet. Stunde um Stunde. Minute um Minute. Und dabei hat sich das Gefühl in ihr groß gemacht. Riesengroß. Es springt sogleich auf mich zu. Ihre Handfläche hinterlässt einen brennenden Willkommensgruß auf meiner Wange zurück.

Warum?, schreit sie. So laut das es in meinen Kopf explodiert. Ich wanke. Meine alkoholgetränkten Beine können mich geradeso tragen.

Was willst du von mir, sage ich und dann noch etwas deutlicher: Was willst du denn immer von mir!

Du Schwein! Und sie schlägt mit Fäusten auf mich ein. Ich wehre sie ab. Stoße sie von mir weg.

In diesen Moment beginnt sie mit Sachen auf mich zu werfen. Ich versuche auszuweichen. Doch mit Blei in den Knochen ist es ein Kunstakt nicht getroffen zu werden. Das Glas kommt unerwartet und trifft mich genau auf der Nase. Ich habe orange-blaue Sternchen vor den Augen. Warmes rinnt herunter. Läuft mir über den Mund. Ich wische es mit dem Handrücken weg.

Doch da schafft sie es mich einfach umzuwerfen. Achtlos wirft sie mich zu Boden. Dabei tritt sie mich fest. Wie Ungeziefer. Durch den Alkohol bin ich so schwach. Und nichts kann mich in die Höhe bringen.

Im Kopf ist dann doch noch etwas drin. Da kommen Kräfte zurück. Und alsbald habe ich mich aufgerappelt und bin wieder auf den Beinen. Immer noch schlägt sie auf mich ein. Da erwische ich sie an den Handgelenken und werfe sie mit voller Wucht gegen die Wand. Das laute Geräusch fährt mir durch Mark und Bein. Stöhnend und leicht benommen fällt sie zu Boden. Ich kann in diesem Moment nicht weiter denken. Und da packe ich sie an den Haaren. Ziehe fest daran und schrei immerzu: Hör endlich auf damit!

Sie windet sich unter mir, versucht den Schmerz auszuhalten. Schluchzt und wimmert.

Da lass ich los. Doch sie sinkt nicht geknickt in sich zusammen, sondern sieht mich mit solch großen Augen an und beginnt zu lachen. Laut und aufdringlich, bis ihr Lachen dabei kaputt geht. Tränen laufen über ihre bleichen Wangen.

Und es tut ihr nicht im geringsten leid, dass sie zu geschlagen hat. Dass sie Sachen nach mir geworfen hat. Jeder blaue Fleck soll eine Erinnerung an sie sein!

Ich erinnere sie an die Nachbarn, die ja ohnehin schon wissen müssen, was für Leute wir sind. So welche, mit denen man nichts zutun haben möchte, weil sie laut und unbeherrscht sind. Uns kann niemand gebrauchen.

Dann beginnt sie lautstark zu schimpfen. Sie sagt es mir ins Gesicht, dass ich nicht zu gebrauchen bin. Jeder könnte mit mir spielen. Denn ich bin farblos und unecht. Sie kümmert sich um mich. Macht mich zu etwas Brauchbarem.

Und ich? Was mache ich? Wegen mir geht es ihr nur schlecht. Ja, die Schuld liegt immer nur bei mir, dass sie sich so fühlt. Und sie dann so ist. So unendlich traurig!

Da läuft sie aus den Zimmer. Ich hinter ihr her. Sie stürmt ins Schlafzimmer. Ich greife nach der Tür. Sie schlägt sie zu. Die Finger meiner rechten Hand sind dazwischen.

In den Fingern pocht der Schmerz. Ich flüchte mich ins Badezimmer. Das kalte Wasser nimmt ein wenig von dem pulsierenden Gefühl mit. Mein Spiegelbild verspottet mich. Der Typ im Spiegel sagt es laut: Jeder kann mit dir spielen, weil du ein niemand bist!

Gottseidank, ist meine Nase nicht gebrochen. Blutverschmiert ist die untere Hälfte meines Gesichtes. Blut auf meinem T-Shirt. Einzelne Bluttropfen fallen in das Waschbecken. Und das durch den Abfluss hinuntergurgelnde Wasser nimmt sie mit. Mir ist zu heulen zu mute. Doch lasse ich es nicht zu. Nicht vor diesem Typen im Spiegel. Er wird mich nicht weinen sehen. Nein! Niemals!

Mein Magen rebelliert. Heiß wird mir. Würgend kommt es daher. Und dann übergebe ich mich. Geradeso erreiche ich noch die Kloschüssel. Und nun fällt mir alles aus dem Gesicht. Sauer und faulig. Laut klatscht es in die weiße Keramik hinein.

Da sitze ich am Fliesenboden im Badezimmer. Hohl und leer. Schmerzende Finger in einem wassergetränkten Handtuch eingewickelt. Und die restliche Säure brennt mir die Kehle herauf. Doch laufen mir Tränen über die Wangen. Brennen kleine Gräben in die Haut. Dennoch der Typ im Spiegel kann sie von hier aus nicht sehen!

Es ist auf einmal furchtbar still um mich. Und jetzt erkenne ich es! — Sie war die ganze Nacht allein mit dieser Stille. Und wie konnte ich nur glauben, sie könnte diese alleine ertragen. Da kann sie nicht zu Ruhe gekommen. Mit tausend Gedanken im Kopf. Unzähligen Hirngespinsten. Und ich habe sie nicht für sie vertrieben. Ich habe sie alleine gelassen. Wie soll sie nur schlafen, wenn ich nicht da bin. Verdammt, ich war nicht da!

Später liegen wir zusammen im Bett. Wir berühren uns nicht.

Wir haben uns nicht viel zu sagen, weil uns die Worte für Gefühle ausgegangen sind.

Es ist nicht gut gelaufen, sage ich.

Ja, es war mal wieder so ein Tag, sagt sie und es ist ein kleiner feiner Stich, der doch eine Narbe zurück lässt.

Wirst du mich verlassen?, fragt sie.

Irgendwann, sage ich: Aber noch nicht morgen!

Ich höre sie in ihr Kopfkissen weinen. Und ich würde gerne mit weinen, doch einer muss für uns stark bleiben.

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