Im Kolonnenverkehr über die Straßen. Durch die Löcher in den Bergen. Über die brückenbespannten Täler. Ich bringe Kilometer um Kilometer hinter mich. Hier hole ich mir einen Kaffee. Und es gelingt mir nicht, mich zu verstellen. Es fährt auf direkten Weg durch meinen Kopf. Bohrt sich Löcher durch graue Gehirnmasse und spannt Brücken von Synapse zu Synapse.

In meinen Gesicht ziehen und rücken sich die Falten in alle erdenkliche Richtungen. Dabei bemüht sich jeder einzelne Gesichtszug eigene Wege zu befahren. Die anwesenden Leute können ein ganzes Salsa-Tanz-Spektakel in meinem Gesicht beobachten. Wahrscheinlich denken sie, bei dem stimmt doch etwas nicht. Aus diesem Grund haben sich vermutlich auch die Plätze um mich sehr schnell wieder geleert. Vielleicht bilde ich es mir aber auch nur ein. Und so sitze ich hier. Mit roten Wangen. Das anstrengende Minenspiel hinterlässt seine Spuren.

Aber es will mir nicht in den Kopf gehen. Warum all der Terz? Und dabei fällt mir nicht mehr viel ein. Allweg versuche ich ihr gegenüber offen und ehrlich zu sein. Ich nenne ihr auch gute Gründe dafür. Und kann es sogleich aus ihrem Gesicht ablesen. Sie gibt einfach nicht nach und sucht nach einen erneutem Anlass, es wieder und wieder zu käuen. Jedoch nehme ich sie nicht mehr ganz ernst. Und aus diesem Grund habe ich mir in letzter Zeit angewöhnt, Gespräche wie Witze zu zerreißen.

Dennoch lacht sie nicht dabei!

Ich habe nicht darüber nachgedacht, sage ich.

Es wäre schön, wenn du dir einmal was denken würdest, sagt sie.

Irgendetwas sollte ich nun sagen. Sie will etwas von mir hören. Ich kann es ihr aus dem Gesicht lesen. Solch Augen starren mich an.

Vertragen wir uns einfach wieder, sage ich.

Du verstehst mich nicht, sagt sie: Hörst mir nicht richtig zu!

Und dann sagt sie, dass ich jedes Mal auf irgendeiner verdammten Baustelle ein Stück von uns ausstreuen und dort im Dreck festgetreten würde.

Demgegenüber kann ich nichts ausrichten. Allerdings bin ich ihr etwas schuldig.

Darum sage ich zu ihr, das sie zu überreizt reagiert und endlich einmal runter kommen soll, laut sage ich es, vielleicht einen Tick zu laut.

Verdammt. Es sind doch nur ein paar Tage. Dann bin ich doch wieder da!

Ich habe Angst uns aus den Augen zu verlieren, sagt sie.

Hör doch endlich damit auf. Einmal muss doch Schluss damit sein, und sie bemerkt den Frevel in meinen Worten.

Und dann ist sie böse. Sie kehrt mir den Rücken zu und lässt mich gehen. Doch da möchte ich mich noch von meiner Kleinen verabschieden. Sie sitzt im Kinderzimmer am Boden und kämmt die Haare ihre Barbie. Sie schaut mich mit solch großen Augen an und möchte von mir wissen, ob alles gut ist.

Ich frage sie, wie sie darauf kommt, dass nicht alles gut sei.

Bist du auf Mami böse? Du hast so laut geschrien, sagt sie .

Und ich erschrecke, weil mir auf einmal so richtig bewusst wird, das lautes Schreien schon zur Gewohnheit geworden ist.

Ich hoffe, sie trägt keinen Schaden davon. Das ist ein unerträglicher Gedanke für mich. Einer, der mich nun begleiten wird.

Tatsächlich wollte ich es nun richtig machen. Doch scheine ich wieder auf eigenen Wegen zu sein. Und da kann ich nicht einfach, den Mut beweisen, umzudrehen, zurückzukehren, sie einfach in die Arme zu nehmen, Versprechen zu geben und dazubleiben.

Dennoch kann ich mir sicher sein, dass sie irgendwann wegläuft. Sie wird ihr eigenes Leben wieder führen wollen. Ohne mich.

Da gebe ich meiner Kleinen einen Kuss und die Zusicherungen, das alles gut ist. Und ich gehe.

Jetzt schlürfe ich lauen Kaffee auf irgendeiner Raststation. Und begreife es einfach nicht. So kennen wir es doch. Und jetzt ist es ein Problem. Eines, das am Tisch hin und her gewälzt wird, bis es flach wie Strudelteig ist. Und was soll danach kommen?

Im Fenster entdecke ich mein Speigelbild. Es ist schon dunkel geworden. Ich sollte mich auf den Weg machen. Und da fasse ich neuen Mut. Nicke mir zu. Gebe mir ein Versprechen. Nun will ich keine Fehler machen. Möchte nicht mehr laut werden.

Alsbald sitze ich wieder in meinen Auto und fahre weiter. Früh morgens beginnt ein neuer 12-Stunden Arbeitstag auf jener “Baustelle24”. Im Irgendwo. Fernab.

Schon manchen Tage bin ich nun hier. An diesem Ort. Auf mich allein gestellt. Ich teile mir ein kleines Apartment mit diesem kantigen, dunklen Typ. Doch wenn man ihm einmal genauer kennt, erscheint er nicht mehr so finster und arschkalt. Ja, wenn man erst die nächtlichen Gewohnheiten des anderen kennt, legt man den Vorbehalt im Schlaf heimtückisch umgebracht zu werden, schnell ab. Er ist schon in Ordnung. Und man kann mit ihm auch ein paar vernünftige Worte wechseln.

Die anderen Kollegen wollen sich damit begnügen, mich an die Frau zu bringen. Zu einsam erscheine ich ihnen. Und das wollen sie unbedingt ändern. Obwohl sie wissen, dass ich liiert bin und ein Kind habe.

Doch so ein kleiner Flirt würde nicht schaden, meinen sie, etwas für das Gemüt braucht doch jeder einmal. Und ich soll mich nicht so anstellen, wir sind doch Kilometer von zuhause entfernt.

Da überreden sie mich mit ihnen mit zu kommen. Der Abend beginnt so, wie es immer beginnen soll. Einer bestellt die erste Runde. Wir anderen stellen uns, wie es der Ritus vorsieht, im Kreis um einen Stehtisch auf. Danach wird der Ordnung halber angestoßen und die ersten Gespräche gestartet. Nach ein paar Runden sieht das Protokoll vor schon etwas ausgelassener zu werden und die Gesprächskultur dem Spiegel des Alkohols anzupassen. Das Lachen wird heller. Musik begleitet das gebräuchliche Szenario.

Erst zur späteren Stunde beginnt die musikalische Begleitung die rituelle Handlung voranzutreiben. Lauthals grollen wir den Text altbekannter Lieder. Hände auf den Schultern. Dabei biegen sich unsere Oberkörper, geradeso, der Norm eines sich zu Musik bewegenden Mannes entsprechend von ein paar Zentimeter — mehr kann und sollte nicht verlangt werden — vor und zurück. Flaschen klirren laut aneinander.

Und da treffen wir auf Frauen. Und sie fällt mir auf. Ich kann es nicht so recht beschreiben. Aber der Pulsschlag wird auf einmal schneller. Und sie ist so ganz anders. Anders, wie gewohnt.

So steht sie mit diesem Gesicht vor mir. Weiche, zarte Röte ist da und hat das Gesicht rosig und geschmeidig gemacht. Daneben verlieren die anderen hier im Kreis ihre Gesichter.

Wichtig ist sie nun für mich. Ich versuche an ihr dran zu bleiben. Sie redet. Sie lacht. Und bewegt ihre Hüften, so, wie sie es gewohnt ist. Und es gefällt mir.

Und sie hat so eine feine Art. Überhaupt nicht aufdringlich. Oder unangenehm. Obwohl auch das Bier bei ihr schon Spuren hinterlassen hat.

Und die anderen? Sie wissen nicht was in mir vorgeht. Sie bemerken nur die Musik. Und ihr Schreien wird lauter.

Ihr lautes Gegröle setzt sich von Mund zu Mund fort, verrührt sich zu einem dicken Einheitsbrei. Und wie aus einem Schlund kommen die Songtexte. Es deckt alles zu. Auch meine Gedanken. Dabei fuchteln sie wild mit den Händen. Springen auf und ab. Doch werden sie nicht müde. Das Geschrei wird nicht leiser oder will verstummen. Und er? Er weiß sich etwas mit mir anzufangen. Da legt er mir schon den Arm um die Schulter. Jener, der nachts gut neben mir schlafen kann, weil er keine Angst zu haben braucht von mir erwürgt zu werden. Und wir hopsen im Gleichklang auf und ab. Er brüllt mir den Text ins Ohr. Und ich bin auch laut. Und dabei versuche ich sie nicht aus den Augen zu verlieren.

Nachdem die Stimmung langsam wieder ruhiger wird, versuche ich für sie zuständig zu sein. Und ich fasse sie an. Zurückhaltend. Meinen Arm um ihre Schultern. Sie weicht nicht zurück.

Und wir scherzen über die Löcher, die wir auf der Baustelle in die Erde hineinschlagen. Und dabei können wir uns sicher sein, dass wir nicht nur die Löcher auf der Baustelle meinen. Dieses zweideutige Geplänkel ermöglicht mehr Berührung. Sie lässt mich auch näher an sich herankommen. Und dabei hält sie sich nicht an das, was sie schon auswendig gelernt hat. Gelassen wirkt sie. Natürlich. Nicht verstellt. Und es ist schön sie zu berühren.

Und sie lacht. Nickt mir zu.

Aber wir sind nicht alleine. Die anderen bleiben die ganze Zeit neben uns. Und sie schauen nicht an uns vorbei. Deshalb halte ich mich noch immer etwas zurück.

Du, sagt sie so mit aufgeworfenen, vollen Lippen, dass es bei mir ein Gefühl auslöst: Solltest zurück in deine Honeymoon-Suite. In ein paar Stunden musst du wieder arbeiten müssen gehen müssen.

Dein Deutsch ist perfekt, erwidere ich lachend.

Du hast recht. Eindeutig zu viel von dem “Muss”, und da lacht sie so dabei.

Ich weiß gerade so viel von dieser Frau. Trotz alldem bin ich schon fast bei ihr. Und das ist etwas, das ich nicht kenne. So großen Gefallen an jemanden anderen zu finden. Da ist ein Gefühl. Und ich kann es nicht einmal so recht beschreiben. Habe keinen Ausdruck dafür. Verdammt! Ich kann es einfach nicht benennen.

Und so bleibt das Gefühl ohne Namen in meinem Bauch zurück.

Irgendwann sind die Kollegen weg. In ein paar Stunden ist Schichtübergabe. Ich sollte mich auch auf den Weg machen. Doch bleibe ich noch.

Mit ihrer Art bohrt sie in mich hinein. Und dabei antworte ich auf jede ihrer Fragen. Alsbald findet sie auch auf meinen Handydisplay das Bild von meinem Kind und meiner Lebensgefährtin.

Aber nun wird mir ganz flau im Magen. Plötzlich verstehe ich, was es bedeutet Angst zu haben. Angst davor, etwas zu verlieren. Was steht nur alles auf dem Spiel? Was riskiere ich bloß? Und wofür?

Ich muss raus. Weg von hier!

Da bin ich einfach gegangen. Wortlos. Ohne Abschiedsgeste! Und bin nicht mehr zurückgekehrt.

Und da stehe ich alleine auf der Straße. In dunkler, kühlen Luft. In meinem Kopf ein Karussell. Es dreht sich alles. Ich sollte den Alkohol im Blut loswerden. Sonst kann ich die Schicht heute Morgen nicht antreten.

Ich entschließe mich zu Fuß zu laufen. Es wird mir helfen, wieder ins Lot zu kommen. Zu vergessen.

Und ich gehe weiter. Mit etwas weichen Beinen. Doch kurz darauf verliere ich schon die Hoffnung ein ganzer Mann zu sein. Die Wirklichkeit holt mich erbarmungslos ein. Ich stolpere und falle gegen einen Gartenzaun. Mit beiden Händen halte ich mich fest. Da rüttelt die Vergangenheit an mir. Und sogleich hinterlasse ich in der Gegenwart den Rest von gestern, welcher sich noch in meinen Magen befindet, im grünen Straßenbankett. Und mit jedem Würgen werde ich weniger.

Danach kann ich nur noch wimmern. Es wiegt schwer auf den Schultern. Zentnerschwer. Drückt mich zu Boden. Dorthin, wohin Ungeziefer gehört. Ich falle auf die Knie. In meine eigene Kotze. Doch nun ist dies egal.

Ich fühle mich miserabel, äußert das Gefühl tief in mir.

Geradeeben bin ich kein ganzer Mann mehr. Und schwimme schon in meinen Tränen. Alsbald löse ich mich wie Brausepulver im Wasser auf und bin mir selber nicht mehr im Weg. Ich lasse die Traurigkeit zu, mit der ich sonst nichts anzufangen weiß. So ist es im Leben!

Doch etwas später finde ich keinen Trost mehr. Und ich mache mich auf den Weg. Langsam, ganz langsam, gehe ich. Einen Fuß vor dem anderen. Und als ich ankomme, wird es schon hell.

Die Tür geht hinter mir zu. Er bemerkt mich, bevor ich ihn bemerke.

Na, hast du sie noch klar gemacht, sagt er.

Nein, sage ich.

Warum?

Aus Anstand!

Anstand? Das ist doch Blödsinn, sagt er und setzt fort: Anstand, hin oder her. Du bist ein Idiot. Die hätte zu dir gepasst. Glaub es mir!

Wahrscheinlich hat er auch recht. Die Frau hätte bestimmt zu mir gepasst!

%d Bloggern gefällt das: